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High Reliability Organizing: Was steckt dahinter?

Annette Gebauer
3. Sept. 2023
2 Min. Lesezeit



Woher kommt der Ansatz?


High Reliability Organizing (HRO) hat seine Wurzeln in der Forschung zu besonders zuverlässigen Hochrisikoorganisationen. Untersucht wurden unter anderem ein Flugzeugträger, ein Atomkraftwerk und Luftfahrtkontrollzentren. Später wurden auch Feuerwehren und weitere Organisationen betrachtet, die unter hohem Risiko, Zeitdruck und unvorhersehbaren Bedingungen arbeiten.


Die Leitfrage lautete: Wie gelingt es diesen Organisationen, trotz komplexer Technik, enger Abhängigkeiten und möglicher schwerwiegender Folgen zuverlässig zu handeln?


Die zentrale Erkenntnis: Zuverlässigkeit entsteht nicht allein durch möglichst gute Regeln, Prozesse und Kontrollen. Sie entsteht durch die "achtsame" Fähigkeit einer Organisation, Abweichungen frühzeitig wahrzunehmen, ihre Bedeutung gemeinsam zu klären und sich im entscheidenden Moment an neue Bedingungen anzupassen.


Was bedeutet High Reliability Organizing?


Der Begriff ist bewusst als Tätigkeit formuliert: Nicht eine Organisation ist dauerhaft hochzuverlässig. Zuverlässigkeit wird immer wieder neu hergestellt. Sie ist das Ergebnis einer kontinuierlichen kollektiven Leistung.


High Reliability Organizing beschreibt deshalb keine Blaupause und kein Zertifikat. Es geht um eingeübte Formen der gemeinsamen Aufmerksamkeit und Sinnproduktion: Mitarbeitende und Führungskräfte erzeugen unter unsicheren Bedingungen ein möglichst tragfähiges Bild der Lage und entscheiden auf dieser Grundlage, was zu tun ist.


Aus dieser Perspektive bedeutet Sicherheit nicht, dass es keine Störungen gibt. Vielmehr entstehen Sicherheit und Zuverlässigkeit, indem viel stärker damit gerechnet wird, dass immer etwas Unerwartetes geschehen kann und die notwendigen Praktiken etabliert werden, um auf das nicht erwartete aufmerksam zu werden. Das ist natürlich nicht durch eine Einzelleistung zu erreichen, sondern es benötigt kollektives Sensemaking im Hier und Jetzt, um die eingespielten Erwartungen regelmäßig zu irritieren.


Die fünf Prinzipien


High Reliability Organizing lässt sich anhand von fünf Prinzipien konkretisieren:


  1. Sich intensiv mit kleinen Abweichungen, Überraschungen und Fehlern beschäftigen. Kleine Fehler, Unklarheiten und Beinahe-Ereignisse werden nicht als lästige Ausnahmen abgetan. Sie dienen als Fenster zum System: Was zeigen sie über unsere Annahmen, Schnittstellen und Entscheidungswege?

  2. Sensibel für das operative Geschehen bleiben. Pläne und Erfahrungen sind wichtig, bilden die Wirklichkeit aber nie vollständig ab. Deshalb interessiert, was im Hier und Jetzt tatsächlich geschieht – besonders dort, wo Arbeit und Kund:innenkontakt stattfinden.

  3. Vorschnelle Vereinfachungen vermeiden. Komplexe Situationen werden nicht durch eine einzige Erklärung "beruhigt". Unterschiedliche Perspektiven, auch widersprüchliche Beobachtungen, helfen dabei, blinde Flecken zu reduzieren.

  4. Resilienz und Erfindungsfähigkeit entwickeln. Organisationen üben, auf Unerwartetes flexibel zu reagieren. Entscheidend ist nicht nur, bekannte Risiken abzusichern, sondern ein Repertoire für neue, nicht vorab planbare Situationen aufzubauen.

  5. Im Ausnahmefall der Expertise folgen, nicht dem Rang. Wer im Moment das beste Wissen über die Lage hat, muss gehört werden und Einfluss auf Entscheidungen haben. Dazu braucht es im Normalbetrieb eingeübte Kommunikationswege, mit denen auch Ranghöhere wirksam widersprochen werden kann.


Diese Prinzipien sind kein Maßnahmenkatalog. Sie beschreiben vielmehr das Rezept, wie Praktiken und Routinen in der Organisation gebaut werden können, um die kollektive Aufmerksamkeit zu erhöhen.


Wie wird HRO praktisch angewendet?


Die gute Nachricht lautet zunächst: Jede Organisation hat bereits an vielen Stellen Praktiken, die nach den oben beschriebenen Prinzipien gebaut sind. Ein erster Schritt kann es also sein, nach den bereits vorhandenen HRO-Praktiken zu suchen: Wo machen wir das bereits? Was bringt uns das? Wo könnte es uns darüber hinaus helfen?


In einem zweiten Schritt können besonders kritische Arbeitskontexte betrachtet werden: Wo sind die Folgen von Fehlern hoch? Wo treffen unterschiedliche Fachlichkeiten aufeinander? Wo entstehen regelmäßig Überraschungen oder Zeitdruck?


Neugierig geworden?

Vertiefung gibts hier:


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